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Traumabewältigung



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Was ist ein Trauma ?


Der Begriff Trauma (griech.: Wunde) lässt sich bildhaft als eine "seelische Verletzung" verstehen, zu
der es bei einer Überforderung der psychischen Schutzmechanismen durch ein traumatisierendes
Erlebnis kommen kann. Als traumatisierend werden im Allgemeinen Ereignisse wie schwere Unfälle,
Erkrankungen und Naturkatastrophen, aber auch Erfahrungen erheblicher psychischer, körperlicher
und sexueller Gewalt sowie schwere Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen bezeichnet.
Umgangssprachlich wird der Begriff Trauma häufig in Bezug auf verschiedenste als leidvoll erlebte
Vorkommnisse verwendet, um zu kennzeichnen, dass es sich dabei um eine besondere Belastung für
den Betroffenen gehandelt hat. In den medizinischen Klassifikationssystemen (ICD-10 und DSM-IV),
die maßgeblich sind für die fachgerechte Beurteilung psychischer Beschwerden, ist der Begriff jedoch
wesentlich enger definiert.

In den meisten Ländern ist die ICD-10 Klassifikation das offizielle Kodierungssystem, das im Bereich
Gesundheit und Justiz die Grundlage bildet (Rosner & Powell 2007:46).

In der ICD-10 wird ein psychisches Trauma definiert als „ein belastendes Ereignis oder eine Situation
außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz- oder langanhaltend), die
bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würde“ (zit. n. DILLING ET AL. 1991:157).

Im DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wird zudem zwischen direkter und
indirekter Betroffenheit in Bezug auf das traumatische Ereignis unterschieden.

Nach dem DSM-IV müssen zwei Aspekte für ein traumatisches Ereignis erfüllt sein:

            1.  Eine Person erlebt selbst oder als Zeuge, unmittelbar eine Situation, in der er oder ein
                 anderer Mensch ernsthafter körperlicher oder seelischer Bedrohung ausgesetzt ist.
            2.  Aufgrund dieses Erlebnisses kommt es zu einer Reaktion aus intensiver Furcht,
                 Hilfslosigkeit oder Entsetzen. Bei Kindern kann chaotisches oder agitiertes Verhalten
                 (EHLERS 1999: 5), bzw. verwirrtes oder agitiertes Verhalten (Saß ET AL.2003:515) als
                 Reaktion beobachtet werden.

Als traumatisch erlebte Ereignisse können bei fast jedem Menschen eine tiefe seelische Erschütterung
mit der Folge einer Überforderung des angeborenen biologischen Stresssystems verursachen. Somit
wirkt sich ein Trauma nicht nur seelisch, sondern auch körperlich aus. Die Überflutung des Gehirns im
Rahmen einer überwältigenden Stressreaktion behindert  die angemessene Verarbeitung des
Erlebten mit der Folge, dass der Betroffene die gemachte Erfahrung nicht wie gewohnt in seinen
Erlebnisschatz integrieren und dann wieder Abstand davon gewinnen kann. Dieser Umstand kann
dazu führen, dass der Organismus auf einem erhöhten Stressniveau verharrt und charakteristische
Folgebeschwerden entwickelt.

http://www.degpt.de/informationen/fuer-betroffene/trauma-und-traumafolgen

Mögliche pathologische Folgen nach einem traumatischen Ereignis können sein:

      1.  Akute posttraumatische Belastungsreaktion
      2.  Posttraumatische Belastungsstörung
      3.  Depressionen
      4.  Dissoziative Phänomene
      5.  Somatisierungs- und Konversionsstörungen
      6.  Persönlichkeitsstörungen
      7.  Essstörungen
      8.  Angsterkrankungen
      9.  Körperliche Erkrankungen
    10.  Suchterkrankungen.

(HERMAN 1992 und EGLE ET AL.2000, zit. n. WÖLLER ET AL. 2004: 30)



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Somatic Experiencing


„Ein Trauma ist im Nervensystem gebunden. Es ist somit eine biologisch unvollständige
Antwort des Körpers auf eine als lebensbedrohlich erfahrene Situation. Das Nervensystem
hat dadurch seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm deshalb helfen, wieder zu
seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurückzufinden“. ( Peter Levine )

Die Verarbeitung von überwältigenden Erlebnissen, Schocktraumata z.B. nach Verkehrs-
unfällen, Stürzen, Operationen, nach Missbrauch, Gewalt und Bedrohung, Verlust eines
nahen Menschen, Naturkatastrophen, Krieg, u.a. erfordert bei nachfolgenden Hilfestellungen
oder therapeutischen Maßnahmen eine besondere Sichtweise.

Somatic Experiencing bietet die Möglichkeit, mit solchen Erfahrungen besonders behutsam,
dennoch in der Tiefe erfolgreich zu arbeiten.

Die meisten Therapiemethoden berücksichtigen in der Regel nicht in ausreichender Weise
die während eines bedrohlichen Ereignisses ablaufenden Reaktionen im Körper und
Nervensystem. Anders das von Peter Levine entwickelte Modell zur Überwindung und
Integration traumatischer Ereignisse. Es beruht auf Verhaltensbeobachtungen in der
Tierwelt. Der zugrunde liegende biologische Mechanismus geht auf das Jäger-Beute-
Verhalten zurück, einen ursprünglichen Reiz-Reaktions-Zyklus mit grundsätzlich drei
Optionen: Flucht-, Angriff- und Totstell-Reflex.

Tiere in freier Wildbahn sind zwar häufig lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt,werden
jedoch nicht nachhaltig traumatisiert, da sie über angeborene Mechanismen verfügen, die es
ihnen ermöglichen, die hohe, im Überlebenskampf mobilisierte Stress-Energie wieder
abzubauen. Zwar sind wir Menschen mit grundlegend gleichen Regulationsmechanismen
ausgestattet, doch wird die Funktionsfähigkeit dieser instinktgeleiteten Systeme häufig durch
den „rationalen“ Teil unseres Gehirns gehemmt und außer Kraft gesetzt.

Dies kann bei uns Menschen dazu führen, dass die vom Körper im Alarmzustand bereit
gestellte Überlebensenergie vom Nervensystem nur unvollständig oder verzögert aufgelöst
wird. Der Organismus reagiert in der Folge weiterhin auf die Bedrohung der Vergangenheit.
In diesem Falle sind die in der Gegenwart zu beobachtenden Reaktionsweisen, Verhaltens-
muster, Überzeugungen, Gedanken, Körperempfindungen und Gefühle der Person oft noch
mit den erschreckenden Erfahrungen der Vergangenheit gekoppelt.

Für die Betroffenen entstehen oft verwirrende und auch beängstigende psychische und
somatische Symptome. Diese zeigen sich eventuell erst Jahre später, möglich als schnelle
Übererregbarkeit, impulsive Ausbrüche, Ängste, Panik, Depressionen, Gefühle von
Entfremdung, Konzentrationsstörungen, Dissoziation, Bindungsunfähigkeit, Erschöpfung,
chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Migräne u.a. somatische Beschwerden.

Trauma entsteht, wenn bei Überreizung des Nervensystems der ursprünglich natürliche
Zyklus von Orientierung, Flucht, Kampf und Immobilitäts-Reaktion nicht vollständig
durchlaufen werden kann oder gar nicht erst zustande kommt.
Bei der Aufarbeitung der Folgen von Schock und Trauma muss deshalb die körperliche
Reaktion auf das verursachende Ereignis als eigenes Phänomen verstanden und berück-
sichtigt werden.
Gelingt es dem Menschen die biologischen Prozesse schrittweise und langsam zu
vervollständigen, so kann die Person wieder Zugang finden zu ihren angeborenen,
lebenswichtigen Reaktionsmöglichkeiten wie Orientierung, Flucht, Kampf, Verteidigung und
so ihre volle Lebensenergie zurückgewinnen, die zum Zeitpunkt der Überwältigung nicht zur
Verfügung stand bzw. eingefroren ist.

Mit Somatic Experiencing wird das traumatische Ereignis körperlich und geistig
„neuverhandelt“. Dabei ist nicht das Ereignis selbst entscheidend, sondern die
Reaktionsweise des Nervensystems, d.h. wie die physiologischen Regulationskräfte des
Nervensystems mit der Bedrohung fertig geworden sind. Mit Somatic Experiencing ist es
möglich, ohne Inhalt oder Erinnerung zu arbeiten, wenn das Ereignis emotional zu belastend
erscheint. Eine mögliche Re-Traumatisierung bei der Aufarbeitung wird vermieden, indem
die „eingefrorene“ Energie in kleinen Dosen „aufgetaut“ wird und schrittweise zur Entladung
kommt. Durch das Aufspüren und Wiederbeleben dieser biologischen, körperlichen
Abwehrkräfte entsteht aus dem traumabedingten Gefühl von Lähmung und Erstarrung ein
Gefühl von Lebendigkeit und Selbstbestimmung. Die tief verankerten Nachwirkungen von
Trauma können sich schonend auflösen.


Literatur:

Levine, Peter A.: Sprache ohne Worte: Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance
zurückführt, Kösel 2011
Levine, Peter A./Frederick, Ann: Trauma-Heilung, Synthesis-Verlag 1999
Levine, Peter A.: Vom Trauma befreien, Kösel 2007
Levine, Peter A. u. Kline, Maggie: Verwundete Kinderseelen heilen, Kösel 2005
Levine, Peter A. u. Kline, Maggie: Kinder vor seelischen Verletzungen schützen, Kösel 2010
Scaer, Robert C.: The Body bears the Burden, The Haworth Press 2001
Scaer, Robert C.: The Trauma Spectrum, W.W. Norton & Co. 2005
Heller, Diane Poole u. Heller, Laurence S.: Crash Kurs zur Selbsthilfe nach Verkehrsunfällen, Synthesis 2003
Peter A. Levine (Vorwort), Mira Rothenberg: Children with Emerald Eyes, North Atlantic Books, USA




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